english | deutsch |

Prof. Dr. phil. Dr.med. Paul UNSCHULD, M. P.H.

studierte Pharmazie und promovierte in Sinologie in München und erwarb einen Master of Public Health an der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Dort lehrte er in Behavioral Sciences und International Health bis 1984, als er einen Ruf an die Universität München in das Institut für Geschichte der Medizin erhielt. Von 1986 bis 2006 war er Direktor dieses Instituts und erhielt dann von der Horst-Görtz-Stiftung die finanziellen Mittel, in Berlin an der Charité-Universitätsmedizin ein erstes Stiftungsinstitut für die Theorie, Geschichte und Ethik chinesischer Lebenswissenschaften zu gründen, das er seitdem als Direktor leitet. Seine Forschungen und Veröffentlichungen sind der vergleichenden Geschichte der Medizin und Pharmazie in Europa und China, sowie der Übersetzung und Analyse antiker chinesischer Medizinklassiker gewidmet. Deutschland

Vortag, 29.09.2017, 11.10-11.40 Uhr
Die politische Bedeutung der Chinesischen Medizin im Verlauf der vier Phasen der Reaktion Chinas  auf die Überlegenheit des Westens vom  Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart

Spätestens mit der Niederlage Chinas nach dem Ersten Opiumkrieg 1839/40 deutete sich die (militärisch-)technologische, wissenschaftliche und auch medizinische Überlegenheit der europäischen Kultur im direkten Vergleich mit entsprechenden Leistungen Chinas an. Die Erniedrigung des „Reichs der Mitte“ durch die imperialen Mächte Europas, der USA, Russlands und schließlich Japans setzte sich bin in das 20. Jahrhundert fort. Wie hat China darauf reagiert? Nicht mit Hass und Gegenterror, sondern mit politischer Vernunft. Dieser Vortrag zeigt die bis heute vier Phasen der chinesischen Antwort auf die westlichen und japanischen Übergriffe auf und verdeutlicht die unterschiedliche politische Einschätzung der historischen Chinesischen Medizin und die Schaffung einer so genannten „Traditionellen Chinesischen Medizin“ vor dem Hintergrund wechselnden chinesischen kulturellen Selbstbewusstseins bis heute.

Workshop, 29.09.2017, 14.30-16.00 Uhr
Wo Vertrauen fehlt.  Arzt und Patient im China der Kaiserzeit und heute

Bewertungen der ärztlichen Tätigkeit aus ethischer Sicht sind in China seit dem 1. Jh. v. Chr. dokumentiert. Zwei Jahrtausende lang bemühten sich praktizierende Ärzte um eine gesellschaftliche Anerkennung ihres Wirkens. Starke Zweifel an der moralischen Berechtigung ärztlichen Handelns kamen aus den Kreisen einflussreicher Konfuzianer. Zum Ende der Kaiserzeit konnten die Ärzte in China somit nicht den hohen gesellschaftlichen Rang gewinnen, den ihre europäischen Kollegen im 19. Jahrhundert erreicht hatten. Heute wird die Situation in China als kritisch betrachtet. Das historische Erbe und die moderne Gesundheitswirtschaft sind die Ursache für zunehmende, auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Ärzten und Pflegepersonal einerseits und den Patienten und deren Angehörigen andererseits.

Workshop, 29.09.2017, 16.30-18.00 Uhr
Die Bedeutung der Klassiker der antiken chinesischen Medizin. Erörterung der Inhalte und der Möglichkeiten der Übersetzung in eine moderne Sprache.

Nur wenig später als in der griechischen Antike entstand in China ab dem 1. Jh. v. Chr. ein Text-Korpus, das heute als der Ausgangspunkt der Geschichte der Chinesischen Medizin anzusehen ist. Was verleitete ein kleine Gruppe von Autoren dazu, eine solch revolutionäre Sichtweise darzulegen, warum blieben ihre Schriften mehr als ein Jahrtausend von nur marginaler Bedeutung, ehe sie zur späten Song-Zeit „wiederentdeckt“ wurden? Dieser workshop zeichnet die vermutlichen Motive und die historischen Fakten der Überlieferung der drei chinesischen Theorie-Klassiker Suwen, Lingshu und Nanjing nach. Er untersucht die Inhalte und diskutiert die Möglichkeiten, zwei Jahrtausende alte Ideen aus dem antiken Chinesisch in eine moderne europäische Sprache zu übersetzen. Teilnehmer sind aufgefordert, ihre Übersetzungen der Klassiker mitzubringen und mit dem Dozenten verschiedene Deutungen ausgewählter Textpassagen zu vergleichen.